Einer Studie der Boston University zufolge haben 2011 Klagen von sogenannten Patenttrollen in den USA Kosten von 29 Milliarden US-Dollar verursacht. Laut den Forschern schaden diese Klagen von NPEs (non-producing entities), die selbst keine Werte produzieren, vor allem kleineren und mittleren Unternehmen, denen durch Prozesskosten Geld für eigene Innovationen entzogen würde. Der Studie zufolge geht von den Einnahmen der börsennotierten NPEs lediglich ein Viertel an die Patenthalter. Grund genug für heise und golem haltlos gegen „Patenttrolle“ zu maulen. KNN hingegen analysiert das Ergebnis der Studie gewohnt objektiv.
Mythos 1: Kosten
Wenn von 29 Milliarden US-Dollar Kosten die Rede ist, klingt das so, als ließen die munter klagenden NPEs Geld verschwinden. Das ist aber Quatsch. Das Geld hat nur den Besitzer gewechselt. Anstatt von Verlusten könnte man genau so gut von Gewinnen reden. Auch die Finanzkrise sollte einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden: Die Vermögen in Deutschland sind in den letzten Jahren noch rasanter gewachsen als die Schulden. Anstatt also Trübsal zu blasen, sollten wir uns mit den Milliardären und Millionären freuen. Wer hart arbeitet, hat sich eben auch einen Trüffel extra verdient!
Mythos 2: Schädliche Patent-Anwälte
Auch hier sollte man den Gedanken umdrehen. Wir können froh sein, dass in den USA viele Anwälte ein lukratives Auskommen als Patentkläger finden. Sonst gingen sie vermutlich in die Politik oder ins Bankenwesen. Die volkswirtschaftlichen Schäden wären sicher um ein Vielfaches höher. So betrachtet sparen die „Patentrolle“ der Volkswirtschaft Geld und sollten deshalb einen jährlichen Bonus ausgezahlt bekommen.
Mythos 3: Kleine und mittelständische Betriebe
Manche Artikel erzeugen den Eindruck, als seien die kleineren Betriebe besonders erhaltenswert. Es ist ein anthropologischer Reflex: Klein = süß = schützenwert. Wer sich jedoch im 21. Jahrhundert nicht einem Großkonzern anschließt, ist ein Auslaufmodell ohne nennenswerte Lobby und ohne Einfluss auf die Politik. Alle kleinen Firmen sollten sich daher der nächstgrößeren anschließen, bis nur noch ein Weltkonzern übrig ist, der alles beherrscht und alle Preise bestimmt und Patente auf alles hat.
Mythos 4: Nützliche Innovationen
Wer sagt eigentlich, dass wir noch mehr Innovationen benötigen? Und wer behauptet, dass wirkliche alle neuen Einfälle nützlich sind? Nehmen wir zum Beispiel die iPad-Geschmacksmuster (Banane, Schoko, Zitrone): Menschheitschance oder Firlefanz? Oder Gottes Innovation „Mensch“: Nutztier oder Radaubruder? Aber seien wir nicht zu streng mit dem quirligsten aller Säuger. Solange sich die Mehrheit von der Minderheit schön melken lässt, ist die Mehrheit auch nützlich. Irgendwie.
Publiziert:
28. Juni 2012
Verfasst von:
Anselm Neft
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Wer glaubt, Microsoft könne nur interessante Betriebssysteme und Geräte im sozialistischen Vintage-Look entwickeln, der sollte sich unbedingt den neuen, fast abendfüllenden Film des multinationalen Softwareherstellers ansehen. „Surface“ hat alles, was ein Blockbuster braucht: Spannung, Action, Humor und eine Prise Tragik.
Sicher, ein Film mit Steve Ballmer in der Hauptrolle kann gar nicht richtig schlecht sein. In „Surface“ zeigt sich der alternde Mime jedoch von einer ungewohnten Seite. Statt wie ein Silberrücken auf Angel Dust durch die Botanik zu brettern und „Developers, Developers, Developers“ zu brüllen, erfordert Ballmers neue Rolle Zurückhaltung und einen kontrollierten, fast schon minimalistischen Einsatz von Gestik und Mimik. Klar: Ballmer spielt einen fundamentalistischen Fernsehprediger, der gerne allen Ungläubigen endlose Qualen in der Hölle voraussagen würde, der aber stattdessen Werbung für ein neues Microsoft-Tablet machen muss – und das vor einem Publikum, das begeistert alles Wichtige in seine Macbooks notiert. Kurz gesagt: Er ist selbst in der Hölle gelandet. Ballmers stärkste Sätze sind die, in denen er eine gelungene Definition der conditio humana vornimmt: „People want to create and consume. They want to work and they want to play“ (10:45).
Dann aber die Überraschung: Louis de Funès betritt in Nike’s die Bühne und sorgt für Jubel. Doch die Euphorie ebbt schnell ab: Es ist nur Steven Sinofsky, Geschäftsleiter von Windows Division. Allerdings hat Sinofsky Darstellerisch ein paar Asse im Ärmel: Gekonnt spielt er einen sympathischen, etwas aufgeregten Trottel, der mit einem unausgereiften technischen Gerät nicht klarkommt. „I can browse smoothly“ (13:36) dürfte schon bald zum geflügelten Wort unter „Surface“-Fans werden. Dicht gefolgt von „excuse me just a second“ (14:19).
Einen Hänger hat „Surface“ im Mittelteil, in dem Michael Angiulo einen gestressten Entwickler spielt, der mit einem Stift auf dem Bildschirm eines Tablet-Computers herumkrakelt. Zu bemüht wirkt Angiulos Versuch, so etwas wie Euphorie aufkommen zu lassen. Lediglich die Nummer, wie er den Stift dank Magnetismus am Tablet befestigt, wirkt überzeugend. Da applaudiert auch das Publikum. Gute technische Lösungen werden immer gewürdigt.
Wie „Surface“ ausgeht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nur soviel: Wenn Sinofsky zum Ende noch einmal auftaucht und „retail availability“ stottert (44:00), wird dem Kinogänger klar: Das ist ein magischer Moment in einem alles in allem großen Film.
Publiziert:
21. Juni 2012
Verfasst von:
Anselm Neft
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Auf der Suche nach IT-Kräften (Stichwort: Fachkräftemangel) beschreitet die beliebte Musikverwertungsgesellschaft GEMA mittlerweile ungewöhnliche Wege. „Immer jünger, immer dümmer“ – so könnte das Motto der Headhunter lauten, die vergangenen Mittwoch überraschend an den Türen von 106 ausgewählten Kandidaten klopften und dabei Uniformen des Bundeskriminalamtes trugen.
Solveig B. (15) ist noch ganz verschlafen, als ihre Mutter sie zur Tür ruft: „Da sind zwei Herren von der Polizei für dich.“ Verdutzt schlurft der Teenager auf zwei freundlich lächelnde Männer in Uniform zu. „Herzlichen Glückwunsch“, sagt der mit dem größeren Schnauzbart. „Ihre IP-Adresse wurde von uns ausgewählt.“
Die Mutter hat schon Kaffe für alle aufgesetzt. Zu viert sitzt man am Küchentisch und plaudert über Solveigs Zukunft. Ob sie sich vorstellen könne, in einem krisensicheren Unternehmen aus der Nazizeit zu arbeiten? Ob sie generell jeden Blödsinn mitmache, nicht nur, wenn sie auf eine Website der Spaßvögel von „Anonymous“ gelenkt werde. Solveig versteht kein Wort. Es ist doch noch so früh.
Plötzlich zieht der Mann mit dem kleineren Schnurrbart einen Papierbogen hervor. „Wir wissen, dass sie am 17. Dezember um 19.30 Uhr auf dieser Pastehtml-Site gewesen sind. Sie haben mitgeholfen eine distri…, eine dirsti…eine dDoS-Attacke gegen den GEMA-Server zu fahren. Hut ab! Da gehört Mumm und Knowhow zu. Oder zumindest Dummheit und Mitläufertum. Solche Leute suchen wir.“
Solveig ist verdattert: Welche Attacke? Was für ein Dezember? Und wer ist die GEMA? Die Mutter spricht für die maulfaule Tochter: „Solveig ist ganz überwältigt von Ihrem Angebot. Aber wir haben Sie erst für Polizisten gehalten.“
Die beiden lachen: „Sie hätten uns wohl kaum reingelassen, wenn wir uns gleich als GEMA vorgestellt hätten. Wir werden ja oft mit der GEZ verwechselt. Dabei ist die nur halb so fies.“ Nun lachen alle, und Solveig dämmert, dass ihr eine rosige Zukunft blüht.
So wie Solveig erhielten in dieser Woche 106 meist jugendliche Menschen Angebote der GEMA, davon 33 in NRW. Die absolute Mehrheit (100%) ließ ihre Rechner und Mobiltelefone bereits zum neuen Arbeitsplatz bringen und freut sich auf eine gute Zusammenarbeit. Das Bundeskriminalamt ermittelt nun allerdings gegen die GEMA wegen Amtsanmaßung.
Publiziert:
14. Juni 2012
Verfasst von:
Anselm Neft
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