Die Regierung (KP) des wohl knuffigsten asiatischen Landes gilt in Sachen Internet als unentspannt. Trotzdem surfen die Chinesen, dass die Breitbandkabel glühen. Gerade twitterähnliche Microblog-Dienste werden immer populärer. In ihrer heute erscheinenden Ausgabe mutmaßt die Zeitschrift Technology Review, dass die sozialen Netzwerke Kräfte entfesseln, die sich von der Kommunistischen Partei (KP) kaum noch beherrschen lassen. KNN sprach per Skype mit Professor Wang Sixin von der Universität für Kommunikation in Peking (KP).
KNN: Sehr geehrter Professor Sixin, wir…
Prof.: Professor Wang, wenn ich bitten darf. Sixin ist mein Vorname. In Europa ist die Reihenfolge von Vor- und Nachname falsch.
KNN: Aber „vor“ bedeutet doch, dass etwas vor dem steht, was anschließend kommt! Also „vor“ ist zuerst und „nach“ da-nach!
Prof.: Das ist eine sehr eurozentrische Sichtweise. In Wirklichkeit existieren vor und nach an einem ausdehnungslosen Ort, so wie der Punkt, und können aus der räumlichen Gleichwertigkeit nicht bedenkenlos in eine zeitliche Hierachie überführt werden.
KNN: Aber Moment mal, das tun Sie doch auch, wenn sie behaupten, der Nachname sei der Vorname!
Prof.: Irrtum. Ich habe behauptet, dass der Familienname zuerst steht.
KNN: Nein, Sie haben gesagt, dass in Europa die Reihenfolge von Vor- und Nachname falsch ist.
Prof.: Und - ist sie das nicht?
KNN: Ja, schön, bitte. Behalten Sie ruhig Recht. Kommen wir zum Thema. Das Bloggen mit 140 Zeichen erlebt in China derzeit einen großen Triumphzug. Haben Sie Zahlen?
Prof.: In China existieren die Zahlen 0 bis 9, die zu unendlich großen Zahlen zusammengesetzt werden können, außerdem negative Zahlen und irrationale Zahlen und…
KNN: Wir meinten Microblog-Nutzerzahlen.
Prof.: Ach so. Drücken Sie sich präzise aus, dann antworte ich Ihnen präzise. Also: 2011 gab es einen Nutzeranstieg von 296% auf fast 250 Millionen. Die größten Anbieter dieser Dienste sprechen sogar davon, jeweils über 200 Millionen Nutzer zu haben.
KNN: Wie heißen diese Dienste?
Prof.: Der Oberbegriff für Microblogs ist Weibo. Die größten Anbieter sind Sina, Tencent und Kein Provider (KP).
KNN: Wann begann das Phänomen in China?
Prof.: Im Mai 2007 präsentierte die Firma Fanfou eine solide Twitterkopie. Twitter ist in China blockiert, müssen Sie wissen.
KNN: Und warum werden die anderen Dienste nicht auch blockiert?
Prof.: Na, das wäre dann zu schlecht für’s Image der Regierung, und die landeseigenen Dienste können ja leichter kontrolliert werden. Sie müssen wissen: Internet in China ist eine sehr selbstreferentielle Sache. Nur 6% der Websites verlinken zu Sites außerhalb des Landes.
KNN: Wie funktioniert die Kontrolle?
Prof.: Es gibt ein ausgefuchstes Regelwerk, eine ganze Behörde und geschätzte 30.000 Kontroll-Polizisten (KPs). Die arbeiten mit Schlagwortlisten aber auch rein manuell. Natürlich nicht nur gegen Kinderpornografie (KP). Die Existenz dieser Polizisten hält viele zur persönlichen Kontrolle (PK) an. So beschäftigen Betreiber von Websites interne „big mamas“, die vor allem heikle Forum-Kommentare (Kommentarparasiten = KPs) löschen, bevor die ganze Homepage gesperrt wird.
KNN: Die Weibos gelten aber irgendwie als freier, als schwerer zu kontrollieren. Stimmt das?
Prof.: Durch Weibos wurden einige Vorfälle zu öffentlichen Skandalen und Kontroversen: Die Ürümqi Unruhen, der Li Gang Unfall, das Zugunglück von Wenzhou, das Feuer in Shanghai. Das hat ihnen den Ruf eingetragen, besonders effizient für Regimekritik zu sein. Von diesem Image abgesehen: Microblogging geht halt schnell und erreicht viele. Man spricht in der KP von einem Kontrollproblem (KP).
KNN: Könnte es durch Microblogging zu einer Revolution in China kommen?
Prof.: Klar – da müssen ein paar Leute nur oft genug „Umsturz“ auf Mandarin oder Apfelsin in die Tasten tippen, schon kippt der ganze Staatsapparat um.
KNN: Meinen Sie das ernst?
Prof.: Na, vorher ist man immer schlauer.
KNN: Es heißt „nachher“.


