Gestern streikten mehrere Online-Dienste gegen die geplanten US-Gesetze PIPA (Protect IP Act) und SOPA (span.: Suppe {f.}). Am Streik beteiligte sich auch die englischsprachige Version des Online-Lexikons Wikipedia. Den ganzen Tag lang fand sich statt der informativen Artikel eine schwarze Protestseite. Damit sollte darauf hingewiesen werden, dass die zum Schutz der Urherberrechte geplanten US-Gesetze als Grundlage einer Zensur-Infrastruktur begriffen werden sollten. Bei Schülerinnen und Studentinnen (generisches Femininum) kam es dadurch allerdings zu großen persönlichen Krisen.
18.1.2012, mittags in Washington D.C. Die Studenten (generisches Neutrum) Peter, Paul und Mary (alle 21) wissen weder ein noch aus. Morgen sollen sie in ihrem Hauptfach Geschichte ein Referat über die napoleonische Außenpolitik (Russland, Preußen, Elba, St. Helena) halten. Aber ihr bevorzugter Abschreibedienst ist „irgendwie kaputt“.
„Ausgerechnet jetzt“, jammert Peter. „Dabei haben wir einen ganzen halben Tag eingeplant, um in Ruhe das Referat vorzubereiten.“ Paul zeigt sich technisch interessiert: „Erst dachte ich, es ist etwas mit unserem Computer, dem Monitor vielleicht. Aber dann haben wir es an einem anderen Rechner versucht – und wieder alles dunkel.“
Auf die Frage, ob sie es nicht mit einer Bibliothek versuchen wollen, äußert sich Mary skeptisch: „Aber in meinem Kindle ist doch gar kein Aufsatz über Napoleon gespeichert.“
Peter ergänzt: „Und falls Sie diese coolen Häuser voller Papierbücher meinen – das dauert doch Tage.“
Wie den Dreien geht es Vielen in der englischsprachigen Welt. So steht auch der Schüler William (17) in Glasgow vor einem gewaltigen Problem. „Morgen schreiben wir in Erde einen Test über tektonische Plattenverschiebung, und jetzt funktioniert Wiki nicht. Am Ende muss ich mit meinem Vater reden, der den Kram vor Jahren mal offline gelernt hat. Das finde ich echt unpornös.“
Auch in Deutschland sorgt man sich. „Soll ich mir vielleicht das ganze Wikipedia sicherheitshalber downloaden?“, fragt sich zum Beispiel der Politikwissenschaftsstudent Max. „Wie viel Speicherplatz ich da wohl brauche? Bestimmt 100 USB-Sticks, oder so. Und wann soll ich das machen? Ich habe 567 Freunde bei facebook. Soll ich die vernachlässigen, weil da irgend so ein Stress in der Politik abgeht?“
Die deutsche Politik zeigt sich von den US-Querelen unbeeindruckt. Guido Westerwelle, Noch-Bundesminister des Aus- und Widerwärtigen, legt den Begriff „liberal“ nach wie vor sehr liberal aus und stellte sich am Sonntag klar auf die Seite der Monopolinhaber. Die Piratenpartei hingegen verschlief laut einem knallharten Investigativ-Journalisten der FAZ den Protesttag.
Unterdessen haben jedoch wackere Tüftlerinnen in extremen Spezialisten-Blogs das komplexe Wikipedia-Problem für ihre Englisch sprechenden Kollegen gelöst: „He ihrs! JavaScript aus, oder gleich NoScript an. Dann klappt’s auch mit den Artikeln.“ Es bleibt zu hoffen, dass Peter, Paul und Mary ihr Referat noch rechtzeitig fertig stellen konnten.



