von: Anselm Neft | am: 28.12.2011 | Kommentare: 0

Noch immer stehen wir in der Schlange vor dem Cinema „Charles Chaplin“. Mittlerweile ist es 23.30 Uhr, der Film hat längst angefangen, ein Drittel der Schaulustigen ist nicht hinein gekommen, murrt nun aber auf der Straße. Darunter unser Interviewpartner Rolando Ronaldo Masomenos Speedy Gonzalez: „Wir bekommen keinen ordentlichen Lohn, wir bekommen kein ordentliches Essen und jetzt bekommen wir noch nicht mal unseren verdammten Zombiefilm!“ Das sehen viele Andere genau so. Und: Der Protest hat Wirkung. Kurzerhand wird eine zweite Vorführung für Mitternacht anberaumt. Wir haben Zeit, das Interview fortzusetzen.

KNN: Also, wie geht es normalerweise nach dem Studium weiter?

Rolando: Zwei Jahre „servicio social“.  Ich habe in dieser Zeit Software für eine militärische Einrichtung entwickelt. Eine eher angespannte Atmosphäre irgendwo zwischen Paranoia und berechtigter Sorge, dass die USA mal wieder versuchen per CIA unser Land zu…äh…befreien.

KNN: Und jetzt?

Rolando: Arbeite ich für eine Unterabteilung des Gesundheitsministeriums. Ich betreue „InfoMed“, ein Mediziner-Intranet mit News, Artikeln, Forum. Das gefällt mir ganz gut. Wie bei diesen offiziellen Stellen üblich, verdiene ich 400 moneda nacional im Monat.

KNN: Damit kannst du dir am Straßenstand 40 kalte perros caliente kaufen.

Rolando: Ja, jeden Tag einen und Sonntags auch mal zwei. Ich muss achtgeben, dass ich nicht fett werde.

KNN: Das klingt etwas bitter.

Rolando: No es fácil, amigos. Nach Feierabend muss ich eben etwas dazu verdienen. Hier eine Homepage für ein Privatrestaurant, da ein kleiner Privatdeal.

KNN: Ist das legal?

Rolando: Mal so, mal so, weil bei Devisengeld die Devise gilt: legal, illegal, scheißegal. Zur Zeit geht es mir aber recht gut.

KNN: Wieso?

Rolando: Weil ich eine deutsche Freundin habe. Für die ist es kein Problem, mal eine Maus springen zu lassen.

KNN: Das klingt aber unromantisch ökonomisch.

Rolando: Es ist eben ein Teil der kubanischen Realität. Spielt in Deutschland die Ökonomie bei Beziehungen keine Rolle?

KNN: Doch, aber man spricht nicht darüber. Glaubst du denn, dass deine Freundin in dieser Hinsicht naiv ist?

Rolando: Wir sprechen nicht darüber. Haha. Nein, nein, sie gehört nicht zu den Mädels, die hier zum „Tanzen“ hinkommen, dann ein Patenkind adoptieren und Sachen sagen wie: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine…

KNN: Aufhören! Sag uns lieber, wie du die Zukunft der IT in Kuba einschätzt.

Rolando: Die zweiten Computer-Inder werden wir wohl nicht. Unsere Ausbildung ist recht solide, aber es hapert am Englisch und an ausländischen Investoren.

KNN: Wieso gibt es keine?

Rolando: Es gibt schon durchaus Interessierte. Klar: Schlaue Leute in einem Niedriglohnland. Aber US-Unternehmen ist es von ihrer eigenen Regierung verboten, hier zu investieren. Die USA haben das sogar allen möglichen anderen Ländern verboten, setzen da aber dieses Verbot gnädigerweise halbjährlich aus.

KNN: Nee, oder?

Rolando: Si, claro. Wir sind ja ein Top-Terrorstaat. Wir haben über 600 Anschläge zu verzeichnen.

KNN: Echt?

Rolando: Ja, durch die USA auf Fidel Castro. Sonst ist mir nix bekannt. Aber das könnt ihr ja selbst recherchieren. Sonst denkt ihr, ich verzapfe kubanische Propaganda. Und ich möchte noch etwas loswerden.

KNN: Nur zu.

Rolando: Ich habe in Internetzeitungen gelesen, dass in Deutschland Kuba oft herhalten muss, um zu demonstrieren, dass Sozialismus und Kommunismus nicht funktionieren. Was für eine Zumutung Kuba vor der Revolution gewesen ist, interessiert scheinbar niemanden. Auch nicht, dass wir im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern immer noch sehr gut dastehen. In Bezug auf Alphabetisierung und Gesundheitssystem sogar deutlich besser als die USA. Ich habe gehört, dass der Kapitalismus da auch nicht immer so gut funktioniert.

KNN: Reden wir nicht über die USA, reden wir über Kuba.

Rolando: Gut. Ich will gar nicht leugnen, dass es große hausgemachte Probleme gibt: Restriktionen durch die kubanische Regierung, eine kafkaeske Bürokratie, Zensur, beschränkter Internetzugang, alte Männer, die eh alles besser wissen, eine miese Infrastruktur und die Mentalität vieler Kubaner. Wir sind vermutlich Weltmeister im Durchwursteln, aber keine effizienz-optimierten „Wo-sehe-ich-mich-in-5-Jahren“-Strategen.

KNN: Glaubst du trotzdem an eine bessere Zukunft?

Rolando: Wenn bei uns viele kleine Leute an vielen kleinen Orten…

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Nachtrag: „Juan de los muertos“ ist ein freundlicher Gewaltspaß von internationalem Format. Die anwesende Jugend und uns hat er hellauf begeistert. Halb Havanna wird in Schutt und Asche gelegt, darunter Wahrzeichen wie das Capitolio. Weitere Glanzlichter: Propagandaplakate wie „patria o muerte“ als Hintergrund für schlurfende Zombiehorden („Dissidenten, alles Dissidenten“), ein Ami auf dem Platz der Revolution der die „Erlösung vom Bösen“ verkündet und die Frage des Protagonisten, ob sich seit der Zombieinvasion in Havanna eigentlich viel verändert hat. Außerdem erhält das alte Motiv mit dem Auto, dass nicht anspringt, wenn Monster kommen, endlich einen neuen Dreh: Vier Kubaner sitzen im Auto, aber keiner hat einen Führerschein. Ein paar Tage später treffen wir auf einer kleinen Fiesta einen Kammeramann der Produktion. Mit ordentlicher Rumfahne zwitschert er uns: „Ein politischer Film? Iwo. Wir wollten nur Spaß haben und zeigen, wie es gerade in Kuba zugeht. Viva la Stagnaciòn, oder wie das heißt.“

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