Das Cinema „Charles Chaplin“ am Ende der Flaniermeile „La Rampa“. 20.00 Uhr: Die Menschenschlange windet sich um zwei Häuserblocks, überwacht von einem Aufgebot grimmig dreinblickender Polizisten. Um 22.30 Uhr startet „Juan de los muertos“, der erste kubanische Zombiefilm, der obendrein in Havanna spielt. Die Jugend der Stadt steht kopf und folglich Schlange. Darunter auch Rolando Ronaldo Masomenos Speedy Gonzalez, ein 26jähriger Informatiker. Bei fritierten Nudeln und grün umbüchstem Bier interviewen wir den Wartenden, der in seinem Traum-Theater-T-Shirt interessanterweise dem Stereotyp des deutschen Informatikstudenten erstaunlich nahe kommt.
KNN: Hallo. Lange Schlange, was?
Rolando: Da hättet ihr mal die Schlange sehen sollen, als es 1991 in der Calle Opisbo Äpfel und Binden gab.
KNN: Echt jetzt?
Rolando: Kleiner Spaß. Aber Anstehen ist für mich nichts Neues.
KNN: Du bist Informatiker. Spielt Informatik überhaupt eine Rolle in Kuba?
Rolando: Aber Hallo. Habt ihr nicht den letzten Blogeintrag bei KNN gelesen? 2002 hat Fidel Castro die Softwareentwicklung als wichtigen Wirtschaftspfeiler ausgerufen. In Havanna studieren rund 10.000 Menschen an 10 Fakultäten Informatik. Ich gehöre zur dritten Generation.
KNN: Erzähl uns doch ein bisschen über das Studium.
Rolando: Es dauert 5 Jahre. Wie in allen naturwissenschaftlichen Disziplinen wird man zunächst in Mathematik, Physik, Ökonomie und Wissenschaftsphilosophie unterrichtet.
KNN: Wissenschaftsphilosophie? Das klingt interessant.
Rolando: Ist aber für den Arsch. Und die Mathematik ist weitgehend diskret. Also Psst!
KNN: Und sonst so?
Rolando: Ich habe einiges über Datenbanken gelernt, MySQL und Oracle zum Beispiel. Und über Systemadministration. Und natürlich Programmiersprachen.
KNN: Welche?
Rolando: Für Webprogrammierung Java Script, PHP, CSS, HTML, XML. Ansonsten Java, Che++ und Che#.
KNN: Das klingt doch recht modern.
Rolando: Danke. Ich weiß paternalistisches Lob immer sehr zu schätzen. Den chinesischen Markt rollen wir aber seltsamerweise trotzdem nicht auf.
KNN: Sonst noch was, was unsere Leser in Deutschland über das kubanische Informatikstudium wissen sollten?
Rolando: Es gibt noch die Fächer Teleinformación, Inteligencia Arteficial und Programación Logica, die vor wenigen Jahren die Programación Alogica abgelöst hat. Das Studium ist kostenlos, aber die Studenten müssen oft unbezahlt für die Uni oder einen anderen staatlichen Betrieb arbeiten. Das Schlagwort dazu ist „Solidarität“.
KNN: Klingt nach Ausbeutung.
Rolando: Ach, in Deutschland bekommt man das Studium geschenkt?
KNN: Nee, es kostet in der Regel Geld. Und während oder nach dem Studium arbeitet man für kein oder wenig Geld für private Firmen, weil das angeblich dem Lebenslauf nutzt.
Rolando: Klingt nach Ausbeutung.
KNN: Es heißt aber Praktikum. Wie geht es denn für die Informatiker in Kuba nach dem Studium weiter?
Rolando: Das erfahren die Leserinnen und Leser von KNN nächste Woche. He, schau mal, da vorne drängeln sich schon wieder so ein paar Halbstarke dazwischen. Verflixte Asozialisten, euch werde ich heimleuchten!




