von: Anselm Neft | am: 15.12.2011 | Kommentare: 0

Wir haben mittlerweile erfahren, dass immer mehr Kubaner daheim oder an Schaltern der Telefongesellschaft ETESCA auf E-Mail-Programme zugreifen. Wenn es nicht wieder einen Stromausfall gibt, können die correos electronicos meist mühelos gesendet und empfangen werden. Web Provider haben wir bisher jedoch nur in den großen Hotels und zum Touristentarif entdeckt. Es gibt sie aber auch an den universitären Fakultäten. Heute besuchen wir die “Catedra Humbold de Cuba”.

Ein verschmitzt lächelnder Mann mit so etwas wie Rastalocken öffnet uns die wurmstichige Tür des heruntergekommenen Baus im Kolonialstil. Auf dem Weg in den ersten Stock stellt er sich auf Deutsch mit österreichischem Akzent als Ricardo, Herr ueber das Chaos, vor. So präzise diese Jobbezeichung ist, so sehr lädt sie im verwunschenen Inneren des Gebäudes auch zu phantastischen Assoziationen ein.

Ein magere Katze huscht hinter eine Säule, ein Hund bellt in der Ferne, eine Grille zirpt im Zimmer. Doch halt! Die Grille ist ein Computer, der schwungvoll verkabelt neben einem Ensembel aus Bergsteigerschuhen und einem aufgebauten Zwei-Personen-Zelt vor sich hinflackert. Bergsteigerschuhe? Eine Huldigung an die Orishas, jene afrokubanischen Gottheiten, die…

“Nächste Woche ziehe ich nach Österreich”, unterbricht Ricardo unsere Gedanken. “Ich heirate kirchlich in den Alpen.” Er zuckt mit den Schultern und lacht ein unwiderstehliches Lachen. “Folklore hat mich schon immer fasziniert. Und exotische Länder.”

So interessant sein Plan ist, wir sind hier, um über IT zu reden. Die Studenten wohnen meist in Heimen mit Zwei- bis Vier-Bett-Zimmern, zu denen je ein Computer mit Internetzugang gehört. Die 100 Megabyte Traffic pro Monat wollen gut eingeteilt sein. Facebook, youtube oder MSN sind angeblich nicht zugänglich.

“Die Zensur funktioniert durch zwei Einstellungen”, verrät uns Ricardo. “Die der Proxyserver und die der Leute. Viele haben einfach Angst.”

Wir verstehen. Irgendwie weiß man nie, was passieren kann und was nicht. In manchen staatlichen Betrieben sind nur urls mit der Endung “cu” zugelassen. In anderen geht alles, aber plötzlich bittet der Chef zum Gespräch. Nach dem Einbruch des Zuckerimports und der Einsicht, dass die Einnahmen aus dem Tourismus zu schwankend sind, hat der fidele Castro die Entwicklung von Software als Einnahmquelle ins Visier genommen. Dazu braucht es Netzzugang. Aber ein bisschen Kontrolle muss schon sein.

Wir surfen mit Ricardo zu heise, tarent und einem Moorhuhn-Spiel. Als er kurz auf dem Klo verschwindet, wollen wir unser Kreditkartenguthaben bei American Express checken. Zackbumm – die Seite wird blockiert.

“Seid ihr verrückt?”, will unser zurückgekehrter Gewährsmann wissen. Wie beim Keksemopsen erwischte Kinder blicken wir zu Boden. Hoffentlich bekommt der gute Wahlösterreich nicht zum Schluss noch Ärger.

“Ja, was glaubt ihr denn”, sagt Ricardo kopfschüttelnd. “Die Ami-Banken blockieren die Zugriffe aus Kuba. Ist doch klar.”

Ach so.

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Lesen Sie nächste Woche ein hochinformatives Interview mit einem kubanischen Informatikstudenten.

 

 

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