von: Anselm Neft | am: 12.12.2011 | Kommentare: 0

Den Dezember über befindet sich die KNN-Redaktion zu Besuch in einer der sympathischsten Diktaturen der Welt. Das Interesse unseres wackeren Teams gilt jedoch nicht allein dem real kollabierenden Kommunismus oder Zigarren, Rum und dieser scharfen Sauce, die die Leute hier mit einem unsubtilen Balztanz verwechseln. Vor allem wollen wir etwas über die IT im Land wissen. Um uns darüber informieren zu können, müssen wir jedoch erst einmal ins Internet.

Habana Vedado, 12.00 Uhr mittags. Schwarze Stutzgeier kreisen im wolkenlosen Himmel um das “Habana Libre”, ein imposant-hässliches Hotel, das den Rebellen nach der Revolution als Regierungssitz diente. Einheimische munkeln, dass es hier etwas gibt, was 90% der Kubaner noch nie zu Gesicht bekommen haben: Das Internet.

“Internet?”. Der wettergegerbte Strassenverkäufer lässt die Hand mit den riesigen, günstig feilgebotenen Joints sinken, in denen sich allerdings nur Erdnüsse befinden. “Ich dachte, das sei eine Mär aus den USA, eine Fabel, um den einfachen Kubanern den Kapialismus schmackhaft zu machen.”

Ein Taxifahrer mischt sich ein: ”Doch, das gibt’s. Der neuste Schrei des New Age. Das Weltwissen soll sich bündeln, die Menschheit wird superschlau, vernetzt sich und führt mühelos einen Paradigmenwechsel herbei: hin zu einer offenen Gesellschaft voller Egalität, Transparenz und Solidarität.”

Wir nicken anerkennend. Der gut informierte Taxifahrer gibt sich als nebenberuflicher Professor für nicht angewandte Molekular-Medizin zu erkennen und deutet auf das Habana Libre. “Da gibt’s Internet. Da gehts lang zu eurem ”Global Village” fuer die happy few.”

Tatsächlich existieren in der klassenlosen Gesellschaft Kubas zwei Klassen: Menschen, die das staatliche Spielgeld “moneda nacional” (CUP) besitzen und solche, die auch über Pesos Convertibles (CUC) verfügen. Das Monatsgehalt des Professors liegt bei 400 CUP. Das entspricht gut 16 CUC. Mit dieser Summe könnte er im Habana Libre 90 Minuten im Internet surfen, was etwa 45 Minuten mit DSL-Geschwindigkeit entspricht.

Im Hotel ist es angenehm kühl und ruhig. Auch weicht in Inneren des Baus die Hässlichkeit der Fassade einem mondänen Charme. Im ersten Stock finden wir das “Havana Business Center”. Eine missmutige Frau in Uniform nimmt uns in Empfang. “Personalausweis hinlegen, Rubbellos kaufen und dann die Nümmerchen in den Feldchen freirubbeln und in die Feldchen auf dem Rechnerchen eintragen”, erklärt sie barsch, aber in erstaunlich fließendem Spanisch.

Wir setzen uns in eine Box. Aus Lautsprechern tönt Fahrstuhlmusik. Wir rubbeln, wir tippen, wir warten. Während des Wartens haben wir Gelegenheit uns kubanische Gerüchte ueber das Internet durch den Kopf gehen zulassen: Es funktioniere dank japanischer Satelliten, behaupten die einen. Ein riesiges Glasfaserkabel aus Venezuela werde es bald richtig flott machen, sagen andere. Es gebe geheime, illegale Internetbuden; 2 CUC die Stunde und superschnell, geben uns Dritte zu verstehen.

Ah. Das Netz ist da. Wir können auf alle erdenklichen Seiten surfen: World of Warcraft online, youporn, Internetauftritt der vereinten Exilkubaner e.V. Sogar regimekritische Blogs wie “Generacion Y” von Yoani Sanchez oder Claudia Cadelos “Octavo Cerco” (8. Kreis) sind zugänglich.  Wie die anderen putzmunteren BlogerInnen der Karibikinsel müssen Sanchez und Cadelo ihre Beitraege per Telefon oder Mail an eine Vetrauensperson im Ausland mitteilen, die sie dann postet. Ein gefährliches Unterfangen, behauptet unser Reiseführer von Dumont. Wir wollen solche unkalkulierbaren Risiken vermeiden und posten unseren Beitrag lieber gleich selbst. Mal schauen ob und wann er ankommt.

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Lesen Sie nächste Woche mehr ueber IT in Kuba. Dann werden wir uns mit Mails, Zensur und den Universitäten befassen.

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